Wie alles begann …

Buchcover2004

 

Vorwort aus meinem Buch: „Welchen Weg geht die Pappel?“ von 2004
Die Malerin Roswitha Lohmann erzählt mir ihre Geschichte

Ein Zeitungsartikel, den ich im Juli 2003 veröffentlichte, begann mit diesen Worten: „Jetzt kämpft Roswitha Lohmann wieder. Für ihre Liebe zu den Pappeln, den landschaftsprägenden Elementen der Niederrheinebene. Die entstand 1986, als sie an einem Kurs der Sommermalschule Rindern teilnahm und der Kranenburger Künstler Johann Peter Heek sie zum ersten Mal mit der Ästhetik der Pappeln in Berührung brachte.

Und es waren diese Bäume, die Roswitha und Jürgen Lohmann 1996 dazu bewogen, ein Haus direkt in der Idylle des Rees-Bienener Deichs zu beziehen – mit Blick auf bizarre
Pappelgestalten.“ Aber eigentlich begleiteten die Pappeln den Lebensweg der Malerin schon mehr oder weniger unbewusst seit ihrer Kindheit und erreichen mit der Durchführung des Kunstprojekts im Sommer 2004 „Licht. Zeit. Pappel.“ einen Höhepunkt. Diese Publikation soll mit dazu beitragen – auch über den Niederrhein hinaus – die Pappeln einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Und vielleicht erreicht Roswitha Lohmann eines Tages sogar, dass ihr Lieblingsbaum zum Baum des Jahres gekürt wird. Das wünsche ich ihr.

Doch zunächst möchte ich Ihnen ihre ganz persönliche Geschichte mit den Pappeln erzählen.
Als große graue Riesen haben die Pappeln schon die kleine Roswitha auf jedem morgendlichen Schulweg begrüßt, wenn sie in Duisburg die Allee an der Wedau durchschritt. Links und rechts begleiteten sie dicke Stämme, durch deren Kronen flimmernd die Sonne spielte. Manchmal riskierte sie auch einen Blick aus dem Fenster des Klassenraumes der
Mozartschule und schaute auf „ihre“ Pappeln, um für einen kurzen Augenblick dem Inhalt der Stunde zu entfliehen.

Viele Jahre später, als sie selbst Lehrerin war und eine neue Stelle in Oberhausen antrat, sah sie aus dem Fenster eines Klassenzimmers und erblickte wieder ihre vertrauten
Begleiter, die Pappeln. Dass diese Bäume einmal ihr Leben bestimmen würden, ahnte sie damals noch nicht. Auch später nicht, als sie in den Sommerferien von 1986 bis 1992 niederrheinische Ansichten in der Kranenburger Düffel gemalt hat. Hauptsächlich Pappeln. Wie die berühmten Maler Gustav Klimt, Vincent van Gogh oder Claude Monet
hat sie die Pappeln in der Landschaft zunächst als Diener ihrer Komposition eingesetzt. Irgendwann erkannte die Malerin aber, dass die 35 Meter hohen Pappelreihen in der weiten flachen Ebene miteinander kommunizierten und war davon fasziniert. Auf ihren häufigen Fahrradtouren sah sie in den Pappeln Figuren, die sie an Alberto Giacomettis Arbeiten erinnerten, und entwickelte so manche Assoziationen zum täglichen Leben. Und in ihren Bildern wandelten sich die Pappeln, schlanke und weit ausladende, zu Figurengruppen, die aus dem Leben von Generationen berichteten. An ihnen nimmt sie immer neue Aspekte wahr, denn die Bäume sind ihr mit ihrer Geschichte ans Herz gewachsen. Mal wirken sie nämlich sehr traurig, mal tanzen sie fröhlich in der Landschaft.
1992 kauften ihr Mann Jürgen und sie ein Haus in Rees-Bienen am Altrhein. Hier wollte die Künstlerin in ihrer Freizeit Landschaftsbilder malen. Aber dann geschah das für sie Unfassbare: Immer mehr Pappeln wurden gefällt. Aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht, so heißt das im Amtsdeutsch. Das Ehepaar aber bemerkte, dass nur einige der Pappeln an den Straßen hohl oder vom Blitz getroffen waren, die anderen waren kerngesund. Die Malerin konnte nur noch weinen, weil man so lieblos mit der Landschaft umging. Und kaum jemand interessierte sich für die Pappeln, die ja angeblich so wertlos seien. Sie war so frustriert von den Gesprächen mit den Verwaltungen, dass sie am liebsten wieder weggezogen wäre. Überall habe man sie nur milde belächelt und gesagt, sie müsse halt mit dem Zeitgeist leben.
Enttäuschung und Wut breiteten sich in ihr aus, die Nachforschungen über die Pappeln stellte sie ein. Geblieben sind ihr unzählige Fotos und Bilder, die ehemalige Standorte der Pappeln und deren Schönheit dokumentieren. Daneben haben sie und später auch ich Zeitungsausschnitte oder Aufzeichnungen gesammelt, im Internet recherchiert und Interviews geführt, die sich mit den historischen, heimatkundlichen, ökologischen, wirtschaftlichen, künstlerischen oder mythischen Dimensionen der Pappeln beschäftigen.

Die Veröffentlichung, in der ich über den Kampf der Künstlerin für den Erhalt der Pappeln berichtete, stieß zu ihrer großen Freude auf ein breites Echo der Zustimmung in der Bevölkerung. Überdies schlug ich vor, diese Erfahrungen als Grundlage für ein Buch zu verwenden. Und wir erreichten noch mehr: Im Juli 2004 findet das Kunstprojekt „Licht. Zeit. Pappel.“ im Reeser Koenraad-Bosman-Museum statt, bei dem dieser nicht sonderlich beachtete Baum mit künstlerischen Mitteln vorgestellt wird. Denn die Pappel – und gerade auch die oft verschmähte Hybrid-Pappel an den Alleen – hat Beachtung, Respekt und manchmal auch ein gewisses Maß an Bewunderung verdient. Warum, soll Ihnen dieses Buch vermitteln, das rechtzeitig zum Kunstprojekt erscheint.
Sie werden bei der Lektüre sicher einiges Bekanntes und Wissenswertes und hoffentlich
viel Neues und Überraschendes entdecken, das Ihnen ermöglichen soll, die Pappeln unter
einem anderen Blickwinkel als den gewohnten zu betrachten. Dabei steht das Kapitel „Die
Pappel aus künstlerischer Sicht“ aus verständlichem Grund im Mittelpunkt dieses Buchs.

Gisela Behrendt, 2004

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