Pappeln – ein optisches Ereignis in der Ebene

Schlanke Gestalten am Niederrhein
Pappeln als landschaftsprägende Elemente 

 
„Welche Vorstellungen verbinden Sie mit dem Niederrhein?“ Wetten, dass Sie – ob Touristin oder Einheimischer – bei der Beantwortung dieser Frage die schnurgeraden Pappelreihen erwähnen? Die schlanken Gestalten gehören neben dem behäbig dahin fließenden Rhein, der weiten Ebene mit ihren Auenlandschaften, den Weiden, Wiesen, Altrheingewässern und Deichen zu den herausragenden landschaftsprägenden Elementen. Kein Faltblatt auf einer Messe, keine Web-Adresse, die für den Niederrhein wirbt, kommt ohne ihre Erwähnung aus. Die hohen Pappeln bieten der flachen Landschaft nicht nur Struktur und geben dem Auge dadurch festen Halt, sondern erfreuen auch das Gemüt der Menschen. Daher gehören für die Niederrheiner die Pappeln allein schon aus landschaftsästhetischen Gründen zu ihrer Heimat dazu. Seit Menschengedenken fühlen sie sich ihnen emotional sehr
verbunden, wovon viele Dokumente Zeugnis geben.

 
Pappeln – ein optisches Ereignis in der Ebene

 
In einer alten Sage, die von der Herkunft der morgenländischen Zedern im Schloss Aspel bei Rees erzählt, heißt es zu Beginn: „Turm und Fenster spiegeln sich im tiefen
Wasser, und hohe Pappeln, Weiden und Kiefern und auch Eichen wachsen in seiner Nähe, und niemand wundert sich dessen, weil eben der Niederrhein aller dieser Bäume Heimat ist.“ Pappeln am Niederrhein – der Niederrheiner sieht sie zunächst undifferenziert und unterscheidet erst einmal nicht nach Sorte und Art – gehören wie selbstverständlich dazu.
Überall stehen Pappeln. In der offenen Kulturlandschaft bremsen sie die Kraft des Windes und wurden daher gerne in die Nähe von Häusern, Schlössern oder an Straßen gepflanzt. Jeder weiß zudem um die Wetterfühligkeit und enorme Lebendigkeit der Pappeln. Denn lange, bevor ein Sturm aufkommt, sieht man ihre Blätter zittern und hört sie immerzu flüstern.

Was wäre die niederrheinische Ebene ohne die hoch aufgewachsenen Pappeln? Höchst langweilig wird sie schon im Niederrheinischen Heimatkalender von 1935 beschrieben:
„Kahlste Viehweiden, im Hintergrund ein schnurgerader Deich, über den kaum ein Kirchturm und ein paar vereinzelte Baumkronen ragen. Wir verstehen den Notruf … ‚Pflanzt doch wenigstens ein paar Pappeln in die Rheinauen’.“

Und die Niederrheiner pflanzten bis in die 50-er Jahre verstärkt kanadische Hybridpappeln in die Ebene und an Straßenränder, während die Pyramiden- oder Spitzpappeln seit etwa 1740 dort heimisch sind und die Schwarzpappeln sogar schon seit dem 12. Jahrhundert. Diese markanten Baum-Ensembles verleihen der Landschaft einen ästhetischen Glanz; die langen
Säulenreihen hauchen dem Niederrhein einen geradezu toskanischen Charakter ein. Die dazu passende Via Romana gibt es ja ebenfalls schon …
In einem Merian-Heft über den Niederrhein wird von mythischen Überlieferungen berichtet, nach denen sich zwischen Rhein und Maas der Garten Eden befunden haben
soll. Die Landschaft sei zwar landschaftlich monoton, ein wenig karg ohne große optische Sensationen, doch ein Paradies, das sich seine „Ruhe hinter den Pappelvorhängen“ nicht nehmen lasse. Der Niederrhein sei eben eine Landschaft mit einem eigenen Gesicht und einer besonderen Eigenart, in dessen Monotonie dort jeder Weidenpfahl und jeder Baum
am Feldrand „ein optisches Ereignis“ biete.

Wohl war. Daher macht gerade dieser Gegensatz der schlanken Pappeln zum ewigen Gleichmaß der Ebene deren besonderen Reiz aus. Und der ist in unzähligen Fotos, Gemälden, Büchern, Gedichten, Liedern und Texten immer wieder festgehalten worden und bis heute lebendig geblieben.

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